Justiz
Die Rottweilerin
Regina Rick ist 58 Jahre alt. Sie sagt, das Aktenstudium sei für sie eine Art Meditation. © Daniel Delang für DIE ZEIT
Die Rechtsanwältin Regina Rick hat mehrere unschuldig verurteilte Menschen aus dem Gefängnis geholt und musste dabei erbitterte Kämpfe mit der bayerischen Justiz ausfechten.
Im oberbayerischen Aschau sitzen fünf oder sechs Frauen um einen Tisch und können nicht aufhören, über das Schreckliche zu reden: wie es war, als der Sebastian verhaftet wurde. Als das Haus wieder und wieder durchsucht wurde. Als er gefesselt im Gericht saß und von der Vorsitzenden Richterin angefahren wurde. Als sie alle von den Aschauern gemieden wurden und die Nachbarn die Straßenseite wechselten. Und als Sebastian schließlich mit 21 Jahren wegen Mordes verurteilt wurde. Ohne Beweise. Die Mutter, die Tanten und die Cousinen des Justizopfers sind noch immer gefangen im bösen Bann des Fehlurteils, obwohl Sebastian doch schon vor vielen Monaten – im November 2025 – in einem zweiten Prozess freigesprochen worden ist, weil nichts auf seine Täterschaft hinwies.
Im Kreise der aufgebrachten Frauen bleibt nur eine ruhig, es ist die Strafverteidigerin Regina Rick. Ihr ist es zu verdanken, dass Sebastian T. heute ein freies Leben führen kann. Sie hatte erkannt, dass das erste Urteil des Landgerichts Traunstein nichts taugte, und sie war es, die in einem zweiten Urteil die Freisprechung dieses Mandanten erreichte. Wie oft mag sie schon im Traumakarussell dieser Angehörigen mitgefahren sein?
Der Freigesprochene selbst lebt nicht mehr in Aschau. Sebastian macht irgendwo in Deutschland eine Ausbildung zum Förster. Er könnte auch nicht mehr hier leben, das ländliche Chiemgau ist immer noch vergiftet von der Stimmungsmache der Staatsanwälte und Kriminalbeamten, dem anhaltenden Raunen der Lokaljournalisten und den Verleumdungen durch alle, die den jungen Mann einst als Täter gebrandmarkt hatten und nun irgendwie doch noch recht behalten wollen.
Im zweiten Prozess gegen T. … hatte Rick die Unterstützung eines weiteren Verteidigers: Der junge Hamburger Rechtsanwalt Yves Georg hatte schon 2023 mitgeholfen, vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein brandneues Gesetz zu kippen, das eine Wiederaufnahme von Mordermittlungen gegen rechtskräftig Freigesprochene erleichtern sollte. Hier in Aschau kann man sehen und hören, welch katastrophale Folgen ein solches Gesetz für das Leben von Menschen wie Sebastian T. gehabt hätte, der zwar von aller Schuld freigesprochen ist, dessen Ruf aber von interessierten Kreisen heimlich weiter beschädigt wird. Die Staatsanwaltschaft Traunstein hat gleich nach dem Freispruch angekündigt, weiter nach einem Täter zu suchen. Man kann sich vorstellen, wie eine solche Suche im Schutze jenes neuen Gesetzes ausgesehen hätte. Doch niemand dürfe dauerhaft der Angst ausgesetzt sein, trotz rechtskräftigen Freispruchs nachträglich ein zweites Mal in derselben Sache verurteilt zu werden, verkündeten die Bundesverfassungsrichter im Oktober 2023 – und schafften das Gesetz aus der Welt.
Die Rechtsanwältin Regina Rick hat der bayerischen Strafjustiz mit dem Freispruch von T. einen heftigen Schlag versetzt – und es war nicht der erste. Schon 2011 beschämte sie Staatsanwälte und Richter durch eine erfolgreiche Wiederaufnahme in der Sache Rudolf Rupp: Der oberbayerische Bauer sollte nach Ansicht der Ingolstädter Strafverfolger von seiner Familie ermordet und an die Hofhunde verfüttert worden sein. Eine Leiche gab es nicht. Die Ehefrau Rupp, ihre Töchter und ein Schwiegersohn in spe wurden verurteilt und eingesperrt – bis man das Skelett des Bauern überraschend vollständig und in seinem Mercedes sitzend am Grunde der Donau fand. Er hatte sich suizidiert.
Auch der Hausmeister Manfred … [G.[ saß wegen eines angeblichen Raubmordes an einer Rentnerin 13 Jahre lang unschuldig im Gefängnis, bis ihn Regina Rick nach einem erschöpfenden Kampf gegen die Münchner Strafjustiz mithilfe eines neuen Gutachtens rehabilitieren konnte. 2023 wurde auch er unter großer öffentlicher Anteilnahme freigesprochen. Der Staatsanwalt habe über das neue Gutachten, das den Tod der alten Dame als Unfallgeschehen einstufte, zunächst bloß gelacht, erzählte Rick damals der Süddeutschen Zeitung. Da habe sie sich geschworen: „Du wirst verlieren.“ So etwas nimmt sie persönlich. Vielleicht muss ein Verteidiger von kalter Wut getragen sein, um bis ans Ende seiner Kräfte zu gehen und über Jahre alles andere diesem einen Ziel unterzuordnen.
Bayern hat eine Polizei, die selbstbewusster und mächtiger daherkommt als die in anderen Bundesländern, und eine Strafjustiz, die Widerspruch nicht gewohnt ist. Das berühmte Gefälle-Phänomen, wonach bei vergleichbaren Taten die Richtermilde deutlich absinkt und das Strafmaß erheblich ansteigt, je weiter südöstlich in Deutschland ein Urteil fällt, ist empirisch belegt. In Bayern versuchen viele Strafverteidiger daher immer noch, Gerichte gnädig zu stimmen oder für den Mandanten durch Geständnis einen Deal zu erreichen. Den offenen Krach riskiert hier kaum einer. Die Kämpfer unter den Strafverteidigern finden sich vor allem im Norden der Republik.
Das Schicksal ihrer Schwester hat sie das Kämpfen gelehrt
„Ich muss gemein sein, und ich muss Gemeinheiten aushalten.“ © Daniel Delang für DIE ZEIT
Nur die widerspenstige Rick stört die bayerische Gemütlichkeit der Richter und Staatsanwälte. Regina Rick ist eine Ausnahmeerscheinung, nicht nur in Bayern. Die 58-jährige Rechtsanwältin gehört zu den herausragenden Verteidigern Deutschlands. Das Auffälligste an ihr ist eine derart detaillierte Kenntnis der Ermittlungsakten, wie sie bei anderen Verteidigern kaum zu beobachten ist. Rick weiß alles, egal, ob die Akte 10.000 oder 30.000 Seiten umfasst. Unentwegt korrigiert sie die Prozessbeteiligten in der Hauptverhandlung. Sie hat im Kopf, wer wann und wo was gesagt hat und welche Seite fehlt. Sie kennt die Sachverständigengutachten und deren Schwachstellen. Sie will wissen, wie diese Expertisen zustande gekommen sind, egal ob es Gutachten über Genspuren sind, über Handydaten oder über Thermodynamik. „Mir macht es nichts aus, wenn eine Akte dick ist“, sagt sie. Das Aktenstudium sei für sie eine Art Meditation, sie versinke in einem Flow und tauche Tage später fast immer mit einem interessanten Fund wieder auf. Auch im Fall Sebastian T. war Rick in einer unscheinbaren Nebenakte auf eine intrigante E-Mail-Korrespondenz zwischen dem Staatsanwalt und der Vorsitzenden Richterin gestoßen, dieser Fund brachte in der Revision schließlich das Mordurteil zu Fall. Derart aktenfest zu sein, ist Ricks größter Vorsprung vor allen anderen im Raum und eine große Fleiß- und Gehirnleistung. Als klar war, dass es nach dem gemeinsamen Erfolg vor dem Bundesgerichtshof (Yves Georg war schon bei der Revision dabei) einen zweiten Prozess in der Sache T. geben würde, sagte sie zu ihrem Mitverteidiger: „Jetzt lerne ich die Akten auswendig.“
Regina Rick macht kein Aufheben um sich. Die narzisstische Bugwelle, die viele Starverteidiger vor sich herschieben, fehlt bei ihr. Trotzdem wird es oft still, wenn sie einen Gerichtssaal betritt. Der Zuschauer erlebt eine Frau, die unbeeindruckt wirkt vom Auftreten und von der Selbstgewissheit der Richter und von der Feindschaft der Staatsanwälte. Sie weicht keinem Ärger aus, bleibt aber sachlich. „Ich gehe nicht in den Gerichtssaal, um Freunde zu finden, sondern um meinen Mandanten zu retten“, sagt sie. „Ich muss gemein sein, und ich muss Gemeinheiten aushalten.“ Es mache ihr schon lange nichts mehr aus, gehasst und angegriffen zu werden. Schon als Kind sei sie von ihrem Vater herabgesetzt und missachtet worden. Die bayerische Strafjustiz ist nicht etwa erfreut, dass jemand ihre schlimmsten Fehlleistungen korrigiert und Unschuldige vor dem Untergang bewahrt. Im Gegenteil: Sie nimmt es übel. Der Gesichtsverlust ist für viele Justizjuristen offenbar schwerer erträglich als das Unrecht.
Keiner der von der ZEIT angesprochenen Richter und Staatsanwälte wollte sich zu Regina Rick äußern.
Kürzlich traf Rick als Verteidigerin in einem anderen Mordprozess vor dem Landgericht Traunstein wieder auf jenen für die katastrophale Ermittlung gegen Sebastian T. zuständigen Staatsanwalt, der sie seinerzeit angeschrien, ihre Beiträge als „Quatsch“ bezeichnet und die verhängnisvolle E-Mail an die Vorsitzende geschrieben hatte. Und daneben saß ein Sachverständiger aus der Gerichtsmedizin München, die für das erste Fehlurteil gegen den unschuldigen T. mitverantwortlich war. Doch Rick lässt sich nichts anmerken. Sie beträgt sich höflich und unbefangen gegen die beiden, als sei nichts gewesen. Sie weiß, mit wem sie es zu tun hat, aber die Karten sind jetzt neu gemischt. Dies ist ein neues Spiel.
Allein gegen ein ungerechtes System
Regina Rick gehört zu den herausragenden Verteidigern Deutschlands. © Daniel Delang für DIE ZEIT
Regina Rick ist in München geboren, hier hat sie ihre Kanzlei. Sie hat früh gelernt, dass man sich am besten nur auf sich selbst verlässt. Ihr Vater, ein Mann mit vielen akademischen Abschlüssen und vielen Frauenbekanntschaften, verließ die Mutter, nachdem Ricks ältere Schwester durch eine Pockenschutzimpfung eine schwere geistige Behinderung erlitten hatte. Später, als Jura-Studentin, setzte die junge Regina in jahrelangen Prozessen vor dem Landessozialgericht durch, dass der Impfschaden vom Freistaat Bayern anerkannt wurde. Zwar hatte sie da selbst noch keine Zulassung, doch sie saß ihrer Sozialrechtsanwältin im Nacken und ließ nicht locker, als diese aufgeben wollte. „Wer kämpft, kann verlieren, aber wer nicht kämpft, hat schon verloren“, sagte sie damals. Seither ist sie die gesetzliche Betreuerin ihrer Schwester, die in einem Heim lebt.
Ricks Ex-Mann – Ralf Rick, ebenfalls Jurist – erinnert sich noch gut daran, wie die junge Regina sich weigerte aufzugeben, selbst als der Sachverständige in der ersten Instanz behauptete, Impfschäden gebe es gar nicht. „Sie war der Motor dieser Prozesse“, sagt er. In der zweiten Instanz bekam die Schwester schließlich recht und wurde mit einer erheblichen Summe abgefunden: „Ich bin jetzt die Reichste am Tisch“, sagte die Geschädigte danach beim Mittagessen. Damals kannte noch niemand den Namen Regina Rick. Heute wird Ralf Rick darauf angesprochen, ob er mit dieser bekannten Rechtsanwältin verwandt sei. „Nein“, antwortet er dann, „aber wir waren mal verheiratet.“
Als er sie 1995 beim Public Viewing in einem Wirtshaus kennenlernte, war sie Mitte zwanzig. „Eher unsicher“ saß sie in einer Gruppe von Freundinnen. Rick weiß noch, dass sein FC Bayern seinerzeit 2 : 5 gegen Ajax Amsterdam verloren hat. Vielleicht ein schlechtes Omen. Man heiratete, bekam zwei Kinder, irgendwann wurde es Regina in der Ehe zu eng. Sie hat nie wieder geheiratet und lebt heute allein mit ihrem Rottweiler Momo. Ein Hund, der sei wie sie selbst, sagt sie. Freundlich, aber gefährlich. Diszipliniert und im richtigen Moment zupackend.
Ricks alter Schulfreund Christoph Maier ist Rechtsanwalt in München. Er hat Regina am Münchner Karlsgymnasium erlebt und mit ihr den ersten Schieber getanzt, „aber es ist nichts aus uns geworden“. Sehr lieb sei sie gewesen und „von einer Ernsthaftigkeit, von der ich nicht wusste, woher die kommt“. Er hat noch Fotos aus jener Zeit, die ein sehr junges und sehr schönes Duo zeigen. Regina war schon damals besonders – „fähig zur letztgültigen Einsamkeit“, sagt Maier, das habe man der 17-Jährigen angemerkt. Sie sei es gewohnt gewesen, in schweren Lagen allein dazustehen. So was habe oft mit der Kindheit zu tun: „Man hat viele einsame Erlebnisse.“ Wenn man lernt, dass niemand da ist, der hilft, geht man entweder zugrunde – oder man kämpft sich durch. Eine gute Voraussetzung für einen Strafverteidiger, findet Maier. Er selbst sei in seiner Familie verletzt und angegriffen worden. „Es gibt nicht viele, mit denen ich so verbunden bin wie mit Regina“, sagt er. „Ich glaube, es ist die große Einsamkeit und der brennende Wunsch, nicht mehr einsam zu sein.“
So ganz allein scheint Rick aber doch nicht zu sein, denn um sie hat sich ein Netzwerk an Menschen gebildet, das ihre Arbeit schätzt und unterstützt. Immer wieder findet sie Mäzene, die Gutachten finanzieren, und treibt mit Charme und Freundlichkeit Wissenschaftler auf, die sie fragen und mit denen sie sich beraten kann.
Regina Rick hatte von Anfang an eine eigene Kanzlei, sie arbeitet allein. Jeder Strafprozess ist für sie nicht nur ein Kampf um den Mandanten, sondern immer auch um die Existenz. Nur wer gut ist und Erfolg hat, verdient gut, jedenfalls wenn er nicht mit der Strafjustiz in Bayern gemeinsame Sache macht. Auf Pflichtmandate, die von Polizei, Staatsanwaltschaft oder Gericht vermittelt werden, kann sie nicht hoffen. Die Strafjustiz hier zieht Verteidiger vor, mit denen sie „arbeiten“ kann, keine Störenfriede, die die Aburteilung behindern und alle noch durch öffentlich ausgesprochene Wahrheiten in Verlegenheit bringen. „Mir geht es gut mit meinen Pflichtverteidigern“, sagte ein Vorsitzender Richter zu ihr, als sie ihn nach Pflichtmandaten fragte, „warum sollte ich mir eine Rick ins Boot holen?“ Die Szene schildert nicht Rick selbst, sondern ein Kollege.
Die bayerische Strafjustiz ist autoritärer als in anderen Bundesländern
Staatsanwältin zu werden, kam für Rick nie infrage („Ich möchte kein Beamter sein, der für jeden Bleistift einen Antrag schreiben muss“), und auch das Richteramt strebte sie nie an („Ich will niemanden ins Gefängnis schicken, auch wenn ich finde, dass manche Leute dort gut aufgehoben sind“). Doch auch das fremdbestimmte Leben in einer Großkanzlei war für sie unvorstellbar, noch dazu mit zwei kleinen Kindern. Als Berufsanfängerin schwamm sie daher zunächst im Kielwasser des Ingolstädter Rechtsanwalts Klaus Wittmann, von dem sie fast alles über Verteidigung gelernt hat. Durch ihn kam sie an die Wiederaufnahme im Fall des Bauern Rupp, der ihr erster öffentlich wahrgenommener Erfolg wurde.
Dass die Strafjustiz in Bayern autoritärer ist als in anderen Bundesländern, führt Wittmann auf die ungesunde Nähe zwischen Staatsanwälten und Richtern zurück. Die Besonderheit, dass Beamte hier zwischen Staatsanwaltschaft und Gericht hin- und herwechseln, führe zu einer Verwischung der Grenzen. Richter und Ermittler säßen in den Kantinen zusammen und duzten sich, sagt er. „Da ist es nicht leicht, sich als Verteidiger Respekt zu verschaffen.“
Dazu kommt, darf man hinzufügen, dass der für die bayerischen Urteile zuständige Erste Strafsenat des Bundesgerichtshofs über viele Jahre seine Kontrollpflicht vernachlässigt hat. Unter dem elf Jahre währenden Vorsitz des Bundesrichters Armin Nack zog er sich in Juristenkreisen den Spitznamen „Olli-Kahn-Senat“ zu, der „alles hält“. Die Revisionen der Angeklagten hatten besonders wenig Erfolg. 2013 ging Nack in den Ruhestand, doch die Selbstherrlichkeit der Richter und die Verwilderung der Sitten an bayerischen Gerichten – zu beobachten etwa im ersten Prozess gegen Sebastian T. – scheinen immer noch nicht ausgemerzt. Es ist eine feindliche Welt, in die Regina Rick täglich hinauszieht.
„Den hochgemuten, voreiligen Griff nach der Wahrheit hemmen will der Kritizismus des Verteidigers.“ Dieser Satz des berühmtesten aller Strafverteidiger, Max Alsberg, der 1933 von den Nationalsozialisten in den Suizid getrieben wurde, findet sich fast auf jeder zweiten Website von Strafverteidigerbüros. Doch es gibt nicht viele, die ihn wirklich einlösen. Eine davon ist Regina Rick.
Zeit online am 05.08.2026, „Die Zeit“ Nr. 34/2026
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ohne Paywall:
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