Außergewöhnlich früh für gewöhnlich ausdauernd trinkfreudige Iren verlangt Martin Smith am Abend des 3. Mai 2007 in „Kellys Pub“ die Rechnung, etwa um 21.50 Uhr. Es ist längst dunkel in Praia da Luz, der Atlantik nur hör-, nicht mehr sichtbar, die Luft aber noch frühlingshaft warm.
Smith drängt zum Aufbruch. Sohn Peter und Schwiegertochter Aiofe und seine Enkel sind auf der ersten Maschine von Faro zurück nach Dublin gebucht, müssen am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang in Praia da Luz losfahren, um pünktlich am Flughafen zu sein. Martin Smith, der als Pensionär frei über seine Zeit verfügen kann, will mit seiner Frau noch an der Algarve bleiben.
Zu ihrer Ferienwohnung, etwa fünfhundert Meter von der Strandpromenade entfernt – zu Fuß in zehn bis fünfzehn Minuten erreichbar – gehen sie an diesem Abend auf der Rua da Escola Primaria, die sich zur Siedlung Estrela hinaufschlängelt, fünf Kinder voran, vier Erwachsene dahinter.
Es gibt keine Laternen an der Straße, doch der gedämpfte Lichtschein aus den Wohnungen der anliegenden Häuser links und rechts reicht aus, um die Straße halbwegs zu beleuchten. Falls ihnen auf der Einbahnstraße ein Auto entgegenkäme, würden sie dessen Scheinwerfer rechtzeitig sehen, könnten auf den Bürgersteig ausweichen.
Der Mann, dem sie etwa dreißig Meter hinter dem Stoppzeichen begegnen, wo ihr Nachhauseweg die Rua 25 de Avril kreuzt, kommt von oben auf sie zu. Auch er geht mitten auf der Straße. Ob sein Gesicht von der Sonne gebräunt ist oder von Natur aus braun, lässt sich im gedämpften Licht nicht ausmachen.
Bei einer zufälligen Begegnung unter Fremden, die im nächsten Moment wieder vergessen sein wird, ist das aber auch unwesentlich. Erst viel später wird es wichtig, wesentlich, ja entscheidend sein. Wie sah der Mann aus? Eher wie ein Tourist? Oder eher wie ein Einheimischer? Und wie alt war er?
Martin Smith will sich nicht festlegen, als ihn Wochen später die Polizei befragt. Er schätzt ihn, falls ihn seine nachträglich aufgefrischte Erinnerung nicht trügt, auf fünfunddreißig bis vierzig. Aber auch das ist unsicher. Denn auf die Idee, dass hier an der Algarve, der Sonnenküste Portugals, einem Zentrum des Tourismus, Kinder entführt werden und dass so etwas jetzt vor ihren Augen passiert und dass alles mal wichtig sein würde, was sie sehen, kann bei der nächtlichen Begegnung schließlich keiner der Iren kommen.
Genau jedoch erinnert er sich daran – was auch seine Angehörigen bestätigen–, dass der Mann ein kleines Mädchen in seinen Armen trug, ein Kind mit langem blonden Haar, den Kopf schlafend an seine Schulter gelehnt, drei oder vier Jahre alt.
Es war barfuß und bekleidet mit einem weißen oder rosaroten zweiteiligen Schlafanzug. So genau ließ sich das nicht unterscheiden, und auch darauf achtete niemand von der Familie Smith. Wie hätten sie denn ahnen sollen, dass bald ihre Erinnerung an jedes noch so winzige Detail dieser Begegnung wichtig sein würde?
Ob es sich bei dem Mädchen auf dem Arm des Fremden um Madeleine McCann gehandelt hat, deren Foto zum Zeitpunkt der Befragung der Smiths bereits in jeder Zeitung abgedruckt, auf allen Fernsehsendern gezeigt worden war? Was bei positiver Beantwortung den logischen Schluss erlaubt hätte, dass es sich bei dem Fremden, der sie trug, um den Entführer Maddies gehandelt haben dürfte.
Das Foto von Maddie ging um die Welt
Da ist der Fall Maddie längst kein lokales Ereignis mehr. Da liegt längst in jeder europäischen Polizeibehörde ein Ersuchen um Mithilfe bei der Fahndung vor. Da hat Interpol längst ein Foto des verschwundenen Mädchens an Kollegen in Australien, den USA, Kanada und den Vereinigten Arabischen Emiraten versendet.
Da haben Kriminalisten mit dem Schwerpunkt Kinderpornografie, die sich im weltweiten Netzwerk der Pädokriminellen auskennen, alle Informationen aus Portugal in ihre Rechner eingespeist, um Übereinstimmungen mit ähnlichen Fällen zu entdecken. Da wabern längst die abenteuerlichsten Gerüchte über kriminelle Banden im Netz, die sich angeblich in europäischen Urlaubsgebieten herumtreiben, um dort Kinder zu entführen. Tatsächlich aber gab es keinen einzigen Präzedenzfall, es gab nur diesen einen Fall, den Fall Maddie, deren Gesicht inzwischen, ebenfalls per Internet, weltweit bekannt war.
Befragt nach der möglichen Nationalität des Mannes mit dem Kind auf dem Arm kann Martin Smith nicht mal sagen, ob es sich dabei um einen Briten gehandelt hat, was er an dessen Sprache bzw. Aussprache hätte feststellen können.
Den Fremden, der offensichtlich unterwegs war zum Strand, habe er zwar freundlich gefragt, ob seine kleine Tochter eingeschlafen sei und jetzt ins Bett verfrachtet werde. Der Mann aber war ohne ihm zu antworten einfach weitergegangen, was Smith damals als ungehörig empfand, nicht als merkwürdig, und bereits wieder vergessen hatte, als er in seiner Ferienwohnung ankam.
Theoretisch könnte es durchaus sein, dass er auf der Rua da Escola Primaria dem Entführer von Madeleine McCann begegnet ist. Theoretisch könnte es sein, dass die irischen Urlauber die Letzten waren, die Maddie lebend gesehen haben. Theoretisch könnte es sogar sein, dass die Kleine, die der Mann trug, nicht etwa schlief, sondern bereits tot war.
Die Beschreibung, die Smith abgab, passte auf das verschwundene Kind. Laut Auskunft ihrer Mutter hat Maddie am fraglichen Abend, als sie ihre Tochter ins Bett brachte, einen zweiteiligen rosaroten Schlafanzug getragen. Maddie hat lange blonde Haare, und dass sie barfuß war, spricht gleichfalls für die Vermutung, dass es Maddie gewesen sein könnte. Denn falls sie tatsächlich aus ihrem Bett geraubt worden sein sollte, dann ist es nur logisch, dass sie keine Schuhe anhatte, weil sie bestimmt mit nackten Füßchen eingeschlafen war. Die Beschreibung des kleinen Mädchens, das Smith auf dem Arm des Fremden gesehen hat, passte insgesamt gesehen also genau auf Madeleine McCann.
Theoretisch könnte es sogar so sein, dass der Mann, der sie trug, kein Fremder, sondern ihr Vater war. Portugiesische Detektive hatten ihn, nachdem Robert Murat nichts nachzuweisen war, was einen Haftbefehl begründet hätte, im Laufe ihrer Ermittlungen unter Verdacht. Sie sammelten Belege gegen ihn, aber nichts davon war beweiskräftig.
Kritiker warfen ihnen später vor, dass sie andere erfolgversprechende Spuren und Hinweise nicht oder zu spät beachtet haben, weil sie nur noch auf Gerry McCann fokussiert gewesen seien. Was sie bestreiten. Dass am Tatort viele Fehler gemacht, dass sich zeitweise bis zu fünfzig Menschen im Appartement der McCanns aufhielten und dabei natürlich alle möglichen Spuren vernichtet wurden, bevor sie untersucht werden konnten, ist dagegen unstrittig.
Polizeiliche Standards wurden nicht nur bei der Spurensicherung im Haus mit vielen Füßen getreten, auch die folgende weitere Suche war dilettantisch. Ein Spürhund, der sich am Geruch eines Kleidungsstücks von Maddie orientierte, hatte ihre Fährte bis zu einem Supermercado verfolgt, etwa einen halben Kilometer entfernt von der Ferienanlage, und erst da die Spur verloren. Doch statt diese einzige konkrete Spur zu verfolgen, die sie in jener Nacht hatten, statt sofort in der Umgebung des Supermarkts mit einer intensiven Suche nach Maddie zu beginnen, mit entsprechender Manpower systematisch alle Häuser und Wohnungen abzuklappern, blieben die Polizisten untätig und hakten die Spur ab. Wahrscheinlich habe Maddie, so ihre Begründung, in den Tagen zuvor ihre Eltern beim Einkauf in den Supermarkt begleitet und der Hund habe lediglich diese alte Spur erschnüffelt.
„In welchem Abstand ging der Mann an diesem Abend an Ihnen vorbei?“, wurde Martin Smith damals gefragt, als die Begegnung auf der Rua da Escola Primaria rekonstruiert wurde, und der Ire meinte, "allenfalls zwei Meter, eher weniger". Die Straße ist insgesamt nur fünf Meter breit. Wer da parken will, muss sein Auto direkt an einer Hauswand abstellen, damit andere noch Platz zur Durchfahrt haben.
In dieser Nacht stand da kein Pkw, die Straße war, bis auf die Iren und jenen Mann mit dem Kind, menschenleer. Und wie spät war es genau, als sie ihn trafen? Auf die Uhr, sagte Smith, habe er nicht geschaut, aber mehr als fünf nach zehn dürfte es nicht gewesen sein, denn von Kellys Pub an der Strandpromenade waren sie kurz vor 22 Uhr aufgebrochen.
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