Ohm ist erstmalig Ende Oktober mit ihr bzgl. des Falls in Kontakt gekommen. Sie hat ihn damals angerufen, um zu fragen, wie lange die Untersuchung ihres Fahrzeugs dauern wird. Dass ausgerechnet sie den toten Fabian gefunden hat, fand er nicht seltsam. Obwohl es damals noch keinen Verteidigungsauftrag gab, hat er ihr geraten, mit ihren Aussagen vorsichtig umzugehen, damit sie nicht in den Kreis der Verdächtigen gerät. Er hatte zu dieser Zeit nicht das Gefühl, dass sie sich selbst als Verdächtige sieht.
Am 14.10. erfuhr er durch ein Familienmitglied vom spontanen Gedenkgottesdienst für den verstorbenen Fabian. Dort hat er eine Kerze für das Kind angezündet. Viele Menschen seien damals verunsichert gewesen, weil sie nicht wussten, ob weiterhin eine Gefahr für die Gemeinde besteht. Ohm hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Vorahnung, dass ihn der Fall beruflich beschäftigen würde.
Doch am 06.11. wurde er von Gina angerufen, weil die Polizei mit einem Großaufgebot das Haus ihrer Großeltern durchsuchte. Er ist sofort nach Reimershagen gefahren, wo alles mit einer Hundertschaft abgesperrt war. 15–20 Polizisten hätten das Haus durchsucht. Er hat damals darauf geachtet, dass alles im gesetzlichen Rahmen bleibt. Angaben haben weder er noch Gina damals gemacht. Obwohl er Gina bereits in Aussicht gestellt hatte, dass sie eventuell verhaftet werden könnte, war die Festnahme für sie ein großer Schock.
Er hat nicht gezögert, das Mandat anzunehmen. Er sieht es als seine Aufgabe, die Interessen der Angeklagten wahrzunehmen und für ein gerechtes Verfahren zu sorgen. Dies geschieht unabhängig davon, dass er das Verbrechen an Fabian für „ganz schlimm“ hält.
Er kritisiert, dass sehr viele Zeugen aus Ginas Umfeld gehört wurden, die gar nichts zum Tatgeschehen beitragen konnten, sondern nur Angaben zu Ginas Charakter machten. Er hat den Eindruck, dass diese Zeugen gezielt ausgesucht wurden. Das Interesse, entlastende Informationen vorzutragen, sei seiner Meinung nach bei der Staatsanwaltschaft nicht vorhanden. So hätten z.B. die beiden Mitschüler von Fabian, die ihn am Freitagnachmittag gesehen haben wollen, viel eher geladen werden müssen, da sie mit ihrer Sichtung Entlastendes vorbrachten.
Dass Gina doch noch ausgesagt hat, entsprach nicht seinem Wunsch, sondern war eine Entscheidung seines Kollegen. Ohm hielt diese Einlassung für keine gute Idee, hat Ginas Wunsch aber respektiert. Er findet, dass sie trotz der Widersprüche ihre Einlassung gut umgesetzt hat.
Ihr Strafverteidiger leugnet nicht, dass es belastende Indizien gibt, findet jedoch, dass diese nicht ausreichen, um von ihrer Schuld überzeugt zu sein und fragt:
Dass der Vater oder die Mutter zum Zeitpunkt des Verschwindens nicht in der Nähe waren, wüssten wir nicht. Ohm will den Vater zwar nicht verdächtigen, sieht die Überprüfung der Alibis aber als eine der schlecht ausgeführten Maßnahmen der Ermittler.Was wäre denn, wenn der Kindsvater oder die Kindsmutter Fabian gefunden hätten?
Seiner Meinung nach wurde nicht in alle Richtungen ermittelt, da die Angeklagte sehr früh in Verdacht geriet. Es könnte seiner Meinung nach auch ganz anders gewesen sein.
Für ihn spielt es keine Rolle, ob er sie für schuldig hält oder nicht, denn es würde an seiner Aufgabe, sie zu verteidigen, nichts ändern. Deshalb versucht er, solche Überlegungen auszublenden. Gina hätte ihm gegenüber von Beginn an abgestritten, die Täterin zu sein; deshalb hat er nicht nachgefragt.Stellen Sie sich doch mal für nur einen Moment vor, dass die Angeklagte möglicherweise unschuldig ist.
Seine Mandantin hofft weiterhin, freigesprochen zu werden und dass sich mit dem Urteil alles aufklärt. Herr Ohm hat ihr jedoch mitgeteilt, dass derzeit alles in Richtung Verurteilung läuft. Sie weiß also, dass eine realistische Gefahr besteht, schuldig gesprochen zu werden.
https://www.stern.de/panorama/verbreche ... 87124.html
Herzlichen Dank für den Hinweis zum Artikel @Gastleser!
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