Fall Hanna … [W.]
Suchen die Ermittler einen Mörder, den es nie gegeben hat?
Aus der Prien bei Aschau wurde die Leiche der Studentin Hanna … [W.] geborgen. – Foto: Lorenz Mehrlich
Nach dem Tod einer Studentin in Aschau wurde ein Mann als Mörder verurteilt, im zweiten Prozess aber freigesprochen. Die Polizei ermittelt nun gegen unbekannt. Dabei spricht einiges für eine ganz andere Todesursache.
Vielleicht wird es auf die letzte große Frage in diesem Kriminalfall nie eine klare Antwort geben. Vielleicht aber kommt ein Mann dieser Antwort zumindest so nahe wie möglich.
Ein Esszimmer in Essen, auf dem Tisch liegen aufgeschlagene Bücher. Kurt Trübner, ein kräftiger Mann Ende sechzig, dichtes graues Haar, Backenbart, stellt sich direkt vor sie. Er zeigt auf die Schwarz-Weiß-Fotos auf den Seiten, die aussehen wie aus einem Zombiefilm. Aufgeschlagene Schädel, eingedrückte Schädel, unvollständige Schädel. Das sei „natürlich extrem“, sagt Trübner. Aber die Bücher seien Standardwerke der Rechtsmedizin, er muss das ja wissen, nach Jahrzehnten als Rechtsmediziner. Und das, was in diesen Büchern stehe, das sei alles „Lehrbuchwissen“.
Darum geht es ihm also gleich einmal: dass in diesem Fall vieles vom ersten Tag an anders hätte eingeschätzt werden müssen. Dann wäre vielleicht nie ein junger Mann 945 Tage lang zu Unrecht in Haft gesessen. Und dann würde sich ein Ehepaar vielleicht nicht bis heute fragen, wie genau seine Tochter gestorben ist.
Am Nachmittag des 3. Oktober 2022 fand ein Spaziergänger die Leiche der 23 Jahre alten Medizinstudentin Hanna … [W.] in der Prien, knapp zwölf Kilometer flussabwärts von ihrem Heimatort Aschau. Sie hatte Schuhe, Socken, Oberteil, Unterwäsche an. Aber keine Hose.
Noch in der Nacht obduzierten Münchner Rechtsmediziner die Leiche, sie entwarfen ein „theoreotisches Konstrukt“: Jemand müsse Hanna … [W.] auf ihrem Heimweg von hinten attackiert und sich auf sie gekniet haben – dabei habe er ihr beide Schulterdächer gebrochen. Dann müsse er ihr mehrmals mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf geschlagen haben, zum Beispiel mit einem Hammerkopf – daher die fünf Riss-Quetsch-Wunden am Kopf. Dann müsse dieser Täter die junge Frau in den Bärbach geworfen haben, der in die Prien mündet. Dort sei sie dann ertrunken.
Die Ermittler haben weder eine Tatwaffe noch sonstige Beweise
Am 4. Oktober informierten die Rechtsmediziner die Polizei. Und die fing sofort an, einen Mörder zu suchen. Ein Motiv hatte sie auch schon: Da Hanna … [W.] keine Hose mehr anhatte, gingen sie davon aus, dass jemand sie getötet habe, weil er sie vergewaltigen wollte. Im November 2022 nahm die Polizei dann Sebastian T. fest, einen jungen Mann, der ungefähr zu der Zeit in Aschau joggen war, zu der Hanna … [W.] sich auf ihren Heimweg vom Club „Eiskeller“ machte.
Eindeutige Beweise hatten die Ermittler nicht. Keine DNA-Spur, keinen Zeugen der Tat, nicht einmal eine Tatwaffe. Sie hatten nur eine Zeugenaussage, die Sebastian T. Täterwissen nachweisen sollte – und die, wie sich später herausstellte, falsch war.
Dennoch verurteilte das Landgericht Traunstein Sebastian T. im Frühjahr 2024 wegen Mordes. Doch weil in diesem Urteil nur wenig zusammenpasste, gab es einen zweiten Prozess. Und in diesem sprach das Landgericht im November 2025 Sebastian T. frei. Ihn treffe, sagte die Richterin, „keine Verantwortung“ für den Tod von Hanna … [W.].
Die Frage nach der Schuld hatten die Richterinnen also eindeutig geklärt. Nicht beantwortet hatten sie jedoch die Frage, wie Hanna … [W.] gestorben ist. Sie hatten sich damit im zweiten Prozess nicht einmal beschäftigt.
Die Staatsanwaltschaft Traunstein sagt bis heute: Es muss ein Mord gewesen sein. Diese Woche betonte sie noch einmal, dass sie weiter einen Mörder sucht. Sie ermittelt jetzt gegen unbekannt. Eine Tatwaffe haben die Ermittler allerdings bis heute nicht gefunden. Und auch sonst keinen Beweis für einen Mord.
Aber das ist ja auch nur die eine Version in dieser Geschichte.
An seinem Esstisch wählt der Rechtsmediziner Trübner seine Worte jetzt mit Bedacht. Auf gar keinen Fall will er seine Münchner Kollegen schlecht aussehen lassen. Aber er ist eben überzeugt davon, dass es ganz anders gewesen sein könnte, als es im ursprünglichen Obduktionsbericht steht. Da seine Münchner Kollegen gleich von „Schlägen“ geschrieben hätten, sagt Trübner, habe der Fall „eine Dynamik bekommen, wo man Treibeverletzungen außer Acht gelassen hat“. Und eben nur noch nach einem Mörder gesucht hat. Nach einem Mörder, glaubt Trübner, den es wahrscheinlich gar nicht gibt.
Der Rechtsmediziner zeigt noch einmal auf die Fotos mit den entstellten Schädeln. In Flüssen würden Leichen typischerweise mit dem Bauch nach unten und dem Kopf nach vorn treiben, daher seien dann gerade am Kopf oft die schwersten Verletzungen zu finden. „Man denkt immer: Mensch, da muss ja ein furchtbares Verbrechen passiert sein“, sagt Trübner, „nein, das ist erklärbar durch solche Treibeverletzungen.“ Und so, sagt er, könnte es auch gewesen sein, als Hanna … [W.] kilometerlang durch die Prien getrieben worden ist.
Doch die Polizisten und auch die Staatsanwaltschaft Traunstein suchen von Beginn an vor allem nach Spuren, die einen Mord beweisen. Ob der Tod auch ein Unfall gewesen sein könnte, dem gehen sie nicht weiter nach. Ein paar Menschen in Aschau aber schon. Die Familie von Sebastian T.
Irgendwann begannen die Angehörigen des Angeklagten selbst zu ermitteln. – Foto: Lorenz Mehrlich
Ein Winternachmittag Ende Dezember 2025, wenige Meter entfernt rauschen die Autos auf der Prientalbrücke über die A 8. Der Fluss biegt sich hier erst nach rechts, dann nach links, das Wasser stürzt dabei zweimal mehr als zwei Meter in die Tiefe, an einer Stelle wird es über einen Seitenkanal auf das Wehr der Oberprienmühle zugetrieben. Ein unscheinbarer Ort, an diesem Nachmittag führt die Prien nur wenig Wasser, sie fließt ganz leise dahin.
Die Verwandten von Sebastian T. kommen nicht zum ersten Mal hierher, entsprechend sind sie ausgerüstet. Dicke Jacken, Wanderschuhe, Wanderstöcke. Iris T., die Mutter von Sebastian. Erika T., die Oma. Katharina T., die Tante. Die Frauen, die zu Hobby-Ermittlerinnen wurden, als Sebastian T. in Haft saß. Zu ziemlich erfolgreichen sogar.
Von Beginn an waren sie davon überzeugt, dass Sebastian T. unschuldig sei. Nur konnten sie das nicht beweisen. Bis ihnen irgendwann ein Gedanke kam: Wenn vor Gericht nachgewiesen werden könnte, dass es ein Unfall war – wäre das nicht der ultimative Beweis für die Unschuld von Sebastian T.?
Am 2. Oktober 2022, am Tag vor dem Tod von Hanna … [W.], hatte es im Chiemgau heftig geschüttet, die Prien hatte Hochwasser, sie war reißend und tobend. Und dann, das wissen die Verwandten von Sebastian T., kann der Fluss unberechenbar sein. Am Ufer erinnert sich Oma Erika T.: „Die Prien kann so wild werden, dass sie Bäume mitreißt und Löcher in die Dämme reißt. Das haben wir schon alles erlebt.“
Die Verwandten von Sebastian T. gingen daher immer wieder die Prien entlang und auch den Bärbach, der durch Aschau fließt und an dessen Ufer die Ermittler einen Ring von Hanna … [W.] und den Gürtel ihrer Jacke gefunden haben. Schon hier muss sie also ins reißende Wasser geraten sein, auf welche Weise auch immer.
Wenn wieder mal Hochwasser war, dann filmten die Verwandten von Sebastian T. den Fluss. Wenn sie Felsen im Wasser, tiefe Abstürze oder Stangen sahen, an denen sich Hanna … [W.] verletzt haben könnte, dann fotografierten sie diese. Und dann gingen sie damit zu den Verteidigern von Sebastian T., im Herbst 2023, da lief der erste Prozess bereits. Die Verteidiger aber interessierten sich nicht für die Unfalltheorie. Also beschloss die Familie zu handeln. Und engagierte Regina Rick als zusätzliche Verteidigerin.
…
Ein Nachmittag im Dezember 2025, Regina Rick empfängt in ihrer Kanzlei in der Münchner Innenstadt. Sie sagt, auch sie habe sofort an einen Unfall gedacht, auch weil die Rechtsmediziner bei Hanna … [W.] einen Alkoholwert von 2,06 Promille gemessen hatten. Hochwasser, viel Alkohol, dann ein Unfall, für Strafrechtler sei das „nichts Ungewöhnliches“. Die Riss-Quetsch-Wunden am Kopf zum Beispiel, die erklärte sich Rick anders als die Münchner Rechtsmediziner. „Ich dachte von Anfang an, dass sie irgendwo hängen geblieben und dann immer gegen denselben Gegenstand geschleudert sein muss.“
Auch das beidseitig gebrochene Schulterblatt führte sie nicht auf einen Angriff zurück. „Das ist ein ganz unfassbarer Blödsinn. Weil die Krafteinwirkung, das kann jeder Unfallchirurg sagen, nicht ausreicht, wenn Sie sich jemandem von hinten auf die Schulterblätter knien.“ Diese Verletzungen, das seien „Hochrasanztraumata“, die passierten bei Stürzen vom Pferd, vom Fahrrad. Oder eben, davon war Rick von Beginn an überzeugt, beim Treiben durch einen Fluss mit mehreren metertiefen Abstürzen.
Auch weil Rick immer wieder einen möglichen Unfall als Todesursache thematisierte, hörte sich das Landgericht Traunstein im ersten Prozess irgendwann einen Hydromechaniker an, einen Wissenschaftler also, der sich mit den Kräften des Wassers auskennt. Der aber bestätigte die Version der Münchner Rechtsmediziner: Für ihn deute alles auf einen Mord hin. Alle schweren Verletzungen müsse Hanna … [W.] gehabt haben, bevor sie in den Bärbach geworfen worden sei. Im Wasser selbst habe sie sich allenfalls noch Schürfwunden zugezogen.
Doch Regina Rick und die Familie von Sebastian T. gaben nicht auf. Wieder und wieder gingen sie die Prien entlang. Im Frühjahr 2025 schauten sie sich auch noch einmal das Wehr der Oberprienmühle an. Und entdeckten etwas. Metallleisten mit Sechskantschrauben, die die Holzbalken des Wehrs zusammenhalten. Und die Muttern dieser Schrauben, die haben einen Durchmesser von 24 Millimetern. Ziemlich genauso groß sind auch die Riss-Quetsch-Wunden am Kopf von Hanna … [W.].
Regina Rick ließ eine Fotomontage basteln, und die demonstrierte: Die Sechskantschraubenmuttern passen exakt in den dreieckigen Zacken in der Mitte mancher dieser Riss-Quetsch-Wunden. „Damit ist aus meiner Sicht bewiesen, dass die Verletzungen aus dem Fluss stammen müssen“, sagt Rick. „Und damit ist ein Tötungsdelikt ausgeschlossen.“
Als dann der zweite Prozess anstand, gab die Verteidigerin mehrere Gutachten in Auftrag. Hydromechaniker der Uni Aachen stellten fest, dass Hanna … [W.] tatsächlich über den Seitenarm auf das Wehr zugetrieben sein könnte, um dann dort mehrmals mit dem Kopf gegen eine der Schraubenmuttern gestoßen zu werden. Anschließend könnte sie über die mehr als zwei Meter tiefen Abstürze zurück in den Hauptstrom der Prien getrieben worden sein.
Für ein weiteres Gutachten beauftragte Rick den Rechtsmediziner Trübner. Er sollte klären, ob das Verletzungsbild mit den Gegebenheiten des Flusses zusammenpassen könnte.
An seinem Esstisch erzählt Trübner, dass er sich alle bereits vorliegenden Gutachten angeschaut habe, aber auch das Wehr der Oberprienmühle, den Flusslauf, die Sechskantschraubenmuttern. Er sagt, ihm habe es sofort eingeleuchtet, dass sich Hanna … [W.] dort ihre schwersten Verletzungen zugezogen haben könnte, „Treibe- oder Aufprallverletzungen“. Dagegen gebe es „keine Verletzung, die zwingend auf eine fremde Gewalteinwirkung hinweisen könnte“. Trübner sagt, auch er könne „nicht beweisen, dass es unbedingt so gewesen sein muss“. Er wisse ja auch nicht, wie Hanna … [W.] in den Bärbach geraten sei. „Aber ich habe zumindest eine Variante, eine Alternative.“
Die Staatsanwaltschaft Traunstein allerdings überzeugt das nicht. Ein Sprecher teilt per Mail mit, dass die Staatsanwaltschaft „weiterhin“ davon ausgehe, dass es sich „um ein Gewaltverbrechen und nicht um einen Unfall gehandelt hat“. Neue Beweise dafür nennt der Sprecher keine, „mit Rücksicht auf ermittlungstaktische Belange“, was im Juristendeutsch so viel heißen dürfte wie: Es gibt sie nicht.
Und so denken sie bei der Staatsanwaltschaft, so sieht das Trübner, weiterhin in die falsche Richtung. Der Rechtsmediziner zweifelt ja schon das Motiv an, das die Staatsanwaltschaft dem Gewaltverbrechen zugrunde gelegt hatte. Für ihn spricht die fehlende Hose nicht für ein Sexualverbrechen. Trübner sagt: „Bei heftiger Strömung oder in reißenden Gebirgsbächen können Leichen fast vollständig entkleidet werden.“
Dass also noch ein Täter frei herumlaufen könnte, das halte er „für unwahrscheinlich, um es mal vorsichtig zu sagen“. So wie Trübner das sieht, kann die Staatsanwaltschaft Traunstein also noch lange suchen.
Süddeutsche.de am 22.03.2026
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